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Die Öffentlichkeit – wer ist das eigentlich? Die SINUS Milieus und Öffentlichkeitsbeteiligung

Ziel der aller Bestrebungen im Rahmen von Öffentlichkeitsbeteiligung ist es eine möglichst große Perspektivenvielfalt zum jeweiligen Thema zu erfassen, um so eine möglichst breite Legitimationsbasis für die daran anschließenden politischen Debatten und Entscheidungen zu schaffen. Dass dabei nicht alle Menschen der Einladung zur Beteiligung folgen und Partizipationsmöglichkeiten nutzen, ist eine Realität der sich Vorhabentragende immer wieder aufs Neue stellen müssen. Trotz eines scheinbar so ausgeklügelten Beteiligungskonzeptes erscheinen letzten Endes häufig doch immer wieder nur die „alten Bekannten“, die ohnehin bereits bürgerschaftlich Engagierten bei den Veranstaltungen. Mit jedem Verfahrenskonzept stellt sich folglich immer wieder die Frage, welche Personengruppen jeweils wie betroffen sein könnten und wie insbesondere die sogenannten „Beteiligungsfernen“ über das Verfahren informiert und zu einer Teilnahme am Prozess motiviert werden können.

Mit der Veröffentlichung eines Leitfadens bringt der Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (vhw) bringt nun den Milieu Ansatz des SINUS Instituts in Verbindung mit der Konzeption von Kampagnen zur Öffentlichkeitsbeteiligung.

Der Milieu-Ansatz ist dabei nicht neu, sondern wurde vom SINUS Institut bereits seit Beginn der 1980er Jahre konzipiert und wird seitdem in regelmäßigen Erhebungen weiterentwickelt. Dabei werden unter dem Begriff des „Milieus“ Menschen mit ähnlichen Lebensstilen, Werthaltungen und Präferenzen verstanden, die in diesem Ansatz in verschiedenen Gruppen zusammengefasst werden. Neben der Berücksichtigung von sogenannten „sozio-demographischen“ Merkmalen, wie dem jeweiligen Bildungsniveau, Beruf und Einkommen zeichnet der Blick auf diese sehr persönlichen Merkmale den Milieu-Ansatz aus. Als lebensweltlich orientierter Ansatz aus der Sozialforschung wird mit den durch Interviews erhobenen Daten versucht ein differenzierteres Abbild der Gesellschaft darzustellen. Ursprünglich als Instrument für Marktforschung entwickelt, finden die SINUS Milieus aktuell auch Anklang im Bereich der Öffentlichkeitsbeteiligung. Der Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung greift den Ansatz auf und nutzt die Erkenntnisse der Studie um daraus Strategien für die Ansprache verschiedener Personengruppen im Rahmen von Öffentlichkeitsbeteiligungsverfahren abzuleiten, denn die verschiedenen Milieus unterscheiden sich auch in deren Einstellungen zu politischer Partizipation sowie den bevorzugten Kommunikationskanälen und Bereitschaft an unterschiedlichen Beteiligungsformten teilzunehmen.

 

Kommunikation mit Bürgerinnen und Bürgern – aber wie?

Es kann eben nicht von einer allumfassenden Öffentlichkeit gesprochen werden, die sich durch ein uniformes Kommunikationskonzept erreichen lässt. Jedoch scheint es auch wenig zielführend die klassischen Medien zu Gunsten als „zeitgemäßer“ wahrgenommener digitaler Kanäle und den damit einhergehenden Sprachstilen zu vernachlässigen. Vielmehr bietet der Leitfaden des vhw eine Hilfestellung zum Verständnis der Bedürfnisse und Kommunikationsgewohnheiten ganz unterschiedlicher Gruppen.

Vor der eigentlichen Kommunikation muss jedoch zunächst Klarheit über die zu vermittelnde Botschaft und die Zielgruppe herrschen, dann kann danach die jeweilige Kommunikationsstrategie herausgearbeitet und eine angemessene Sprachebene gewählt werden. Der Leitfaden ist deshalb so hilfreich, weil er auf Probleme aufmerksam macht und gute Beispiele liefert.

 

Doch bei allen Erkenntnissen und Hilfestellungen die der Leitfaden bietet bleibt für die Kampagnen Verantwortlichen eine Herausforderung bestehen: Allein die Kenntnis von die Existenz aller potentiell unterscheidbaren SINUS-Milieus lässt sich nicht ohne Schwierigkeiten auf die oft begrenzte Räume beschränkten Beteiligungsprozesse übertragen. Natürlich, und das wäre vermutlich der Königweg, ist es in die Theorie möglich multi- und crossmediale Kommunikationskampagnen und ein breit gefächertes methodisches Angebot für jedes Beteiligungsverfahren bereitzuhalten, doch dies scheint angesichts von nahezu stetig herrschendem Zeitdruck und knapper für viele Vorhabentragende eine Idealvorstellung zu bleiben.

Betrachtet man zudem unterschiedliche Beteiligungsgegenstände, stellt sich auch die Frage nach der kleinräumigen Verteilung der Milieus. In Köln etwa sind bislang stadtweite Beteiligungsprozesse, bei denen in der Tat umfangreiche Kampagnen sinnvoll erscheinen, eher in der Minderzahl. Vielmehr stehen kleinräumig zu verortende Verfahren mit einem eingrenzbaren Radius von Menschen, die davon betroffen sind an der Tagesordnung. Der Milieu-Ansatz ist hier insofern auch von Interesse, da er zu einer größeren Sensibilität für verschiedene Lebenswelten schaffen kann, doch diese in der realen Praxis in den jeweiligen Beteiligungsräumen zu identifizieren um die zu planenden Maßnahmen danach auszurichten ist eine ganz andere Herausforderung. Hierzu wären ausführliche Vorstudien in Form von Interviews zu leisten, da ansonsten nur die üblichen statistischen Daten zur Bevölkerungszusammensetzung vor Ort zur Verfügung stehen – ein Unterfangen, dass die Kapazitäten der Vorhabentragenden vermutlich in den meisten Fällen überschreiten würde…

 

Kurzum kann der Milieu-Ansatz im Rahmen von Beteiligungsverfahren für Praktiker:innen durchaus neue Erkenntnisse zur Diversität des so häufig gebrauchten und doch so schwammigen Begriffs der „Öffentlichkeit“ bieten und somit das Gespür für die sich unterscheidenden Präferenzen verschiedener Gruppen schärfen. Inwiefern jedoch alle im Leitfaden des vhw genannten Bedürfnisse in der Planung und Durchführung konkreter Verfahren bedienen lassen scheint stark von den jeweils zur Verfügung stehenden Ressourcen der Vorhabentragenden abzuhängen.

 

Der Leitfaden steht kostenfrei auf den Seiten des VHW zum Download bereit.

 

AK / LK