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“Es ist eine sehr herausfordernde Arbeit, aber ich habe sie nie als Anstrengung gesehen” Bogdan Andrei, Samos Volunteers

Fotos: (c) Samos Volunteers

Interview mit Bogdan Andrei, einem der Begründer der Samos Volunteers

Die Initiative Samos Volunteers wurde im Jahr 2016 gegründet. Am Anfang lag der Fokus auf der Verteilung von Sachspenden. Seit aufgrund des nicht wie geplant funktionierenden EU-Türkei-Abkommens die Flüchtlinge nicht mehr wenige Tage, sondern Monate und oft Jahre auf Samos bleiben mussten, veränderte sich der Bedarf. Inzwischen liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf informeller Bildung, psychosozialer Unterstützung und Hygiene. Im Februar 2020 haben sich 60 Freiwillige bei den Samos Volunteers engagiert, darunter viele Flüchtlinge. Sie bieten im Alpha-Community-Center wöchentlich 120 Kurse an, z.B. in Sprache, Kunst, Fitness, Nähen, Computer, Musik, Frauen – und Kinderaktivitäten. Zudem betreiben sie eine Wäscherei und eine Bücherei. Aufgrund des Corona-Virus mussten die Samos-Voluntees – ebenso wie die anderen Initiativen vor Ort – Mitte März ihre Arbeit vorerst einstellen.

 

Frage: Lieber Bogdan, bevor wir über die Samos Volunteers sprechen eine Frage zur Situation Anfang März: Die einseitige Grenzöffnung durch die Türkei hat sich vieles auf den ägäischen Inseln, in denen die sogenannten Hotspots sind, geändert. Besonders Lesbos war in den Medien. Nachdem Geflüchtete und Freiwillige bedroht worden sind, haben viele Hilfsorganisationen ihre Arbeit erst einmal eingestellt, da sie die Sicherheit der Helfenden nicht mehr garantieren können. Auf Samos schien die Situation immer relativ ruhig. Wie schätzt du die Lage ein?

Wenn man sich auf die Sicherheit der Helfenden bezieht, ist die Situation auf Samos viel ruhiger. Es war immer ruhiger als Lesbos oder Chios. Es gibt auch viel Unzufriedenheit und Wut bei den Einheimischen, aber es ist nicht zu Gewalt verkommen, und selbst wenn es mit der Zeit angespannter wird, würde ich nicht erwarten, dass es das Niveau von Lesbos erreicht.

Unser Team und die meisten anderen Teams auf der Insel mussten ihren Betrieb aufgrund des Corona-Virus, der damit verbundenen Risiken und der Entscheidungen der griechischen Regierung zur Verhinderung der Ausbreitung des Virus einstellen. Es ist unnötig zu erwähnen, dass es eine Katastrophe sein wird, wenn das Virus die Lager / Hotspots erreicht.

Viele Menschen in Deutschland gehen aktuell auf die Straße, schreiben Petitionen und Eingaben, um die Politik zur Hilfe für die Bewohner*innen der Lager in Griechenland zu bewegen. Kommen diese Solidaritätsbekundungen auf Samos an?

Leider nicht so sehr. Es sei denn, es gibt Freiwillige im Team, die sich aktiv engagieren und mit uns allen Neuigkeiten über diese Ereignisse / Petitionen teilen. Dennoch ist es sehr wertvoll und wichtig, so viel Druck wie möglich auszuüben, um den politischen Wandel auf EU-Ebene zu beeinflussen.

Als eine der Freiwilligen der Samos Volunteers kann ich nur sagen: Hut ab! Ich erlebe eure Arbeit hier als äußerst effektiv für alle. Die Angebote werden ständig auf die Bedarfe der Geflüchteten angepasst, ihr kooperiert eng mit den anderen Akteuren vor Ort und als Freiwillige fühle ich mich jederzeit gut informiert, eingearbeitet und begleitet. Du, Jasmine und Alba habt vor vier Jahren die Samos Volunteers gegründet. Was war euer Gründungsimpuls und wie habt ihr es geschafft, zu dritt eine so gut funktionierende Initiative aufzubauen?

Deine persönlichen Erfahrungen und deine Einschätzung, wie die Organisation läuft, erwärmen mein Herz. Samos Volunteers ist in der Tat etwas, dem wir Leib und Seele widmen. Unser Ziel war immer, den Bedürftigen Hilfe zu leisten, aber auch ein Kernprinzip der humanitären Arbeit im Auge zu behalten, „keinen Schaden anzurichten“.

Die Aktivitäten, die wir heute durchführen, unterscheiden sich stark von denen vor vier Jahren. Dies ist das Ergebnis unserer Entscheidung, uns stets an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, die wir unterstützen möchten. Als gut funktionierende Gruppe können wir viel bessere Hilfe und Unterstützung leisten und mehr Menschen erreichen als Einzelpersonen. Eine gute Zusammenarbeit mit den anderen Akteuren ist von grundlegender Bedeutung, damit die begrenzten Ressourcen, über die wir alle verfügen, gut genutzt werden, um so viele Lücken wie möglich zu schließen und sicherzustellen, dass es keine Doppelarbeit gibt.

SV ist heute in dieser Position aufgrund der Beiträge der Freiwilligen, die im Laufe der Jahre Teil der Gruppe waren. Durch ihre Arbeit, ihr Engagement, ihre Ideen und ihre Leidenschaft, Gutes zu tun, haben alle dazu beigetragen, Samos Volunteers zu verbessern, ihm zu Wachstum zu verhelfen und die Angebote zu erbringen, die wir heute erbringen. Und vergessen wir natürlich nicht diejenigen, die uns gespendet haben, damit wir die Aktivitäten durchführen können, ohne ihren Beitrag wären viele Dinge nicht möglich.

Bei den Samos Volunteers engagieren sich monatlich im Durchschnitt 50 Freiwillige aus scheinbar allen Ländern der Welt und in jedem Alter. Was müssen Freiwilligen mitbringen, wenn sie sich bei den Samos Volunteers engagieren wollen?

Ihre Energie, Belastbarkeit und Leidenschaft für diese Art von Arbeit.
Energie, weil es ein sehr intensives und anspruchsvolles Arbeitsumfeld ist und Sie viel davon benötigen, um die Tage und Wochen der Arbeit zu überstehen.
Belastbarkeit, weil die Situation so schwierig ist und Sie mit emotional herausfordernden Situationen konfrontiert werden.
Leidenschaft, weil sich dies in Ihrer Arbeit widerspiegelt und von den an den Aktivitäten teilnehmenden Personen gespürt wird.

Bevor die Freiwilligen ihr Engagement starten, unterschreiben sie einen „Code of Conduct“. Was beinhaltet er und warum ist er euch so wichtig?

Als Organisation haben wir eine Verantwortung gegenüber den Menschen, die wir unterstützen, sowie gegenüber den Freiwilligen, die dem Team beitreten. Der Verhaltenskodex soll sicherstellen, dass kein Schaden in beide Richtungen entsteht. Er ermöglicht es uns, unsere Arbeit zu konzentrieren und qualitativ hochwertige Dienstleistungen zu erbringen. Es gibt ein klares Verständnis dafür, was wir tun können und was akzeptabel ist oder nicht. Wir haben durch die verschiedenen Situationen, mit denen wir im Laufe der Jahre konfrontiert waren, viel gelernt, sodass sich die bewährten Praktiken auch in diesem Dokument widerspiegeln.

Ungefähr die Hälfte der Freiwilligen sind Community-Volunteers, also Menschen, die als Flüchtlinge auf Samos sind und auf ihren Transfer aufs Festland warten. Haben die Community Volunteers besondere Aufgaben?

Nein, sie haben keine besonderen Aufgaben, sie haben die gleichen Aufgaben wie ein Freiwilliger aus dem Ausland, basierend auf ihren Fähigkeiten und Stärken. Wir sind jedoch sehr sensibel für die Situation, in der sie sich befinden, und stellen sicher, dass ihre Beteiligung an SV beispielsweise keinen Einfluss auf ihren Asylprozess hat oder verhindert, dass sie selber Unterricht nehmen, in dem sie eine Sprache lernen oder verbessern können, oder ihnen Zeit mit ihrer Familie nimmt.

Wie ist die Kooperation mit der kommunalen Verwaltung und den Einwohner*innen von Samos? Arbeitet ihr zusammen oder unterstützen sie eure Arbeit?

Die lokalen Behörden sind nicht wirklich damit beschäftigt, Flüchtlinge zu unterstützen, daher wird nicht viel mit ihnen zusammengearbeitet.

Die lokale Bevölkerung hat genug von dieser Situation, die schon mehr als vier Jahre anhält. Sie fühlen sich damit allein gelassen, mit dieser Situation umzugehen, die ihre Lebensweise und Gewohnheiten völlig verändert hat. Viele sind auch empört darüber, dass die Menschen unter diesen unmenschlichen Bedingungen leben müssen. Im Laufe der Zeit hatten wir einige Freiwillige aus der örtlichen Gemeinde, insbesondere in der Nebensaison.

Wenn du die letzten vier Jahre zurückblickst: Was war die größte Herausforderung für eure Initiative in dieser Zeit?

Wir hatten im Laufe der Jahre viele verschiedene Herausforderungen zu bewältigen, zum Beispiel; als es uns verboten wurde, weiterhin innerhalb des Camps zu arbeiten und die Menschen dort mit lebenswichtigen Dingen zu unterstützen. Das war im Winter 2017-2018, als wir uns mit der Verteilung von Kleidung, Decken und Hygieneartikeln befassten und der Campmanager plötzlich entschied, dass wir nicht mehr in das Camp gehen können. Das war mitten im Winter und die Menschen hatten keine Alternative, warme Kleidung und Decken zu erhalten. Damals waren wir die einzige Freiwilligenorganisation auf der Insel und es gab keine Möglichkeit, die Verteilung in der Stadt zu organisieren.

 Was siehst du als euren größten Erfolg an?

Ich würde sagen, es gab einige:

  • Es gelingt, die Gruppe zusammenzuhalten und unser Projekt so lange mit sehr wenig Ressourcen laufen zu lassen.
  • Im Winter 2018-2019 stieg die Zahl der Menschen im Lager stark an. Wir stellten fest, dass es für uns als Gruppe unmöglich sein wird, mehr Unterstützung zu leisten. Wir waren an unseren Grenzen und die Bedürfnisse wurden mehr und mehr, je näher der Winter kam. Wir haben uns entschieden, Organisationen, die an anderen Orten tätig waren, um Unterstützung zu bitten. Es gab eine recht gute Resonanz auf diesen Aufruf und viele der heute auf Samos aktiven NGOs kamen nach unserem Aufruf. Wir haben sie zu Beginn bei der Einrichtung ihrer Projekte unterstützt und das Koordinierungstreffen gestartet, um sicherzustellen, dass alle Akteure gut zusammenarbeiten und wir zusammenarbeiten, um den Bedarf besser zu decken. Und wir tun es!

Eine Frage an dich persönlich: Du bist im Jahr 2015 spontan nach Samos gegangen, um zu helfen. Aus den geplanten zwei Monaten sind dreieinhalb Jahre geworden. Obwohl du inzwischen in Köln lebst, bist du immer noch federführend bei den Samos Volunteers tätig und bist auch oft vor Ort. Was motiviert dich zu solch einem hohen Einsatz?

Es ist eine sehr herausfordernde Arbeit, aber ich habe sie nie als Anstrengung gesehen. Ich bin dem SV, unserer Arbeit und der Unterstützung auf Samos sehr verbunden. Die Situation ist so ungerecht und unmenschlich. Es ist auch eine sehr kraftvolle Erfahrung, dort zu sein und für so lange Zeit ein Teil davon zu sein. Es hat mich als Person verändert und wird mein ganzes Leben lang in mir verwurzelt sein. Es wäre unmöglich, einfach zu gehen und sich nicht mehr darauf einzulassen.

Wie geht es weiter mit den Samos-Volunteers – habt ihr Pläne für die Zukunft?

Wir verpflichten uns, Samos so lange wie nötig zu unterstützen. Die Situation scheint sich in naher Zukunft nicht zu verbessern, und wir werden als Akt der Mitmenschlichkeit und als Zeugen dieser inakzeptablen Situation vor Ort sein.

Wie kann man euch unterstützen?

Wenn wir unsere Aktivitäten wieder eröffnen können, brauchen wir viel Unterstützung, sowohl durch freiwiliges Engagement als auch durch Spenden. Im Moment ist es sehr ungewiss, wann dies passieren wird. Wenn Sie uns unterstützen möchten, folgen Sie uns bitte auf Facebook, wo wir unsere Updates veröffentlichen. www.facebook.com/samosvolunteers/

Weitere Informationen zu unseren Aktivitäten finden Sie auf unserer Website www.samosvolunteers.org

In der Zwischenzeit ist es immer wichtig, Bewusstsein zu schaffen!

Lieber Bogdan, vielen Dank für das Interview!

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Bodgan Andrei, 35, absolvierte ein Studium in Internationalen Beziehungen und Sozioökonomie und arbeitete in verschiedenen Ländern und Branchen. 2016 kam er als unabhängiger Freiwilliger nach Samos , um die griechische Bevölkerung bei der Erstversorgung der Flüchtlinge zu unterstützen. Aus den geplanten ein bis zwei Monaten wurden dreieinhalb Jahre. Inzwischen lebt Bogdan Andrei in Köln, ist aber weiterhin federführend in die Koordination involviert und kommt regelmäßig nach Samos.

 

Zwei kurze Filme geben einen guten Einblick in die Arbeit der Samos Volunteers:

 

Das Interview führte Gabi Klein, Mitarbeiterin der Kölner Freiwilligen Agentur
und Ehrenamtliche bei den Samos Volunteers

Flüchtlingsarbeit an den Grenzen Europas – Was können wir von Köln aus tuen?

 

 

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