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„Es ist einfach ganz normal weitergegangen, und das hat mir auch geholfen“- Klara Niessen berichtet von ihrem Freiwilligendienst in Tel Aviv

Klara (lks) und eine Kollegin
Klara (lks) und eine Kollegin

Die 19-jährige Klara Niessen aus Köln ist seit Ende Oktober 2020 in Tel Aviv. Sie lebt und arbeitet als Internationale Freiwillige im REUTH Rehabilitation Centre – einem Krankenhaus, in dem Patienten nach Unfällen oder Schlaganfällen eine meist mehrmonatige Reha-Therapie machen. Im Mai erlebte sie den kriegerischen Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas.
Irmgard Schenk-Zittlau führte am 31.5.21 via Zoom ein Gespräch mit Klara Niessen

War der Ausbruch dieses Konflikts ein Schock oder hattest du schon vorher etwas über die Nachrichten erfahren?

Ja, ich habe schon vorher etwas bemerkt. Im Krankenhaus lief auf den Fernsehern nur noch der Nachrichtensender, und alle haben mit Spannung darauf geschaut. Ich verstehe das hebräische Fernsehen nicht, das ist zu schwer, aber die hebräischen Nachrichten, die es auf Englisch gibt, habe ich im Internet gesehen und jeden Abend die Tagesschau auf YouTube. Eigentlich informiere ich mich hier weniger als in Köln, ich weiß ja, dass ich bald wieder weg bin, und daher muss ich mich mit der politischen Situation eigentlich nicht so stark beschäftigen, aber in dieser Zeit natürlich schon. Das Leben hätte sich ja verändern können. Während der Situation musste ich mich aber auch ein wenig distanzieren, denn es macht einen wahnsinnig, sich die ganze Zeit durchzulesen, wo jetzt gerade eine Rakete eingeschlagen ist. Man kommt dann gedanklich davon nicht weg. Vor allem, weil mir auch viele aus Deutschland geschrieben haben, Freunde, mit denen ich schon seit Monaten nicht mehr im Austausch war, machten sich Sorgen und fragten über WhatsApp, wie es mir geht. Das war natürlich schön zu merken, dass da Menschen sind, die sich um mich sorgen, aber dadurch bleibst du auch in der Situation drin. Und letztendlich kannst du in dem Moment ja nicht viel machen.

Tel Aviv war stark von Raketenbeschuss betroffen. Hat euer Arbeitgeber euch gesagt, wie ihr euch zu verhalten habt?

Direkt in der zweiten Woche hat unsere Chefin uns Freiwilligen den Bunker gezeigt, wir wussten, wo der ist, direkt unter dem Gebäude, zwei Minuten entfernt: Ich bin immer ohne alles barfuß losgelaufen, schlaftrunken aus dem Bett raus, meine Mitbewohnerin ist da mit sehr viel mehr Kopf rangegangen, sie hat immer ihren Pass, eine Wasserflasche und ihr Handy mitgenommen. Und im Krankenhaus gibt es auf jeder Etage einen Schutzraum, in den man sich begeben soll, und bei vielen Wohnhäusern ist es eben einfach das Treppenhaus.

 Wie oft musstest ihr den Bunker aufsuchen?

Ich meine, es waren fünfmal. Aber am Ende gab es auch oft nur noch leere Ankündigungen, die sehr reißerisch waren, wie „Tel Aviv will be on fire“, aber wenn man sich zu sehr damit beschäftigt, macht einen das verrückt. Davon musste man sich auch distanzieren.


Habt ihr in dieser Zeit weiter gearbeitet?

Die Skyline von Tel Aviv
Die Skyline von Tel Aviv

Ja. Das Leben ging normal weiter. Ich hab schon gemerkt, dass ich mich mehr zu Hause aufgehalten habe, aber zwischendurch musste ich auch mal raus. Wenn du zu Hause bist, schaust du dir öfter die Nachrichten an. Und draußen sah man, die Menschen liegen am Strand oder gehen einkaufen, da konnte ich durchatmen.

Mit wem hast du in dieser Zeit gesprochen?

Wir haben mit Mitarbeitern aus dem Krankenhaus und Israelis gesprochen, zu denen wir Vertrauen hatten, und gefragt: „Wie schätzt du das ein?“ Meine Eltern oder auch die Kölner Freiwilligen Agentur haben auch in den Raum gestellt, dass ich nach Hause kommen kann, wenn ich möchte. Natürlich will man irgendwie einschätzen können, wie das jetzt zu betrachten ist. Und die meisten Israelis haben gesagt: „Ja, das ist jetzt so: Das dauert meistens 10 bis 14 Tage, und dann ist wieder Ruhe.“ Und genau so war es auch am Ende. Ich hab den Menschen dann auch vertraut, aber ich hab mir schon überlegt, wenn sich das jetzt noch lange zieht, dann gehe ich. Es ist natürlich ein Riesenprivileg, überhaupt sagen zu können „Wir fliegen nach Hause“, und die Israelis, die leben hier. Aber ich habe mich relativ sicher gefühlt. Auch, weil die Israelis recht entspannt waren. Hier herrscht ein großes Vertrauen in den Iron Dome, zu Recht, denn in Tel Aviv ist ja kaum eine Rakete eingeschlagen. Ich finde das System total beeindruckend.

Im Krankenhaus arbeiten arabische und jüdische Israelis miteinander. Hast du in diesen Tagen einen Unterschied gespürt?

Nein. Aber die Nachricht, dass es in anderen israelischen Städten mit gemischten Communities richtig hochgekocht ist, hat mich sehr beunruhigt. Das hat mich aus meiner Blase hier im REUTH und in Tel Aviv aufwachen lassen. Nein, im Krankenhaus habe ich davon nichts mitbekommen. Vielleicht auch, weil ich nicht genug Hebräisch und Arabisch spreche. Andererseits kommt es ja auch auf den Ton an, in dem man spricht, und da habe ich nichts bemerkt.

Hat sich das Leben seitdem auf den Straßen oder am Strand verändert?

Nein. Das liegt wohl an Tel Aviv. Ich bin jetzt wieder in meinem Alltag.

Diesem Konflikt liegt Hass zwischen Menschen zu Grunde. Hast du davon etwas wahrgenommen?

Nein. Ich kann mir aber vorstellen, dass du das als ausländischer Volunteer nicht erlebst. Du bist halt außen vor. Da wirst du nicht mit reingezogen und auch nicht integriert. Die Menschen, die hier leben, stehen auf einer Seite. Punkt. Aus. Das ist ganz klar. Ich möchte und werde mich aber nicht positionieren. Das ist nicht meine Rolle. Außerdem habe ich hier, jedenfalls im REUTH und in Tel Aviv, auch nicht das Gefühl, dass es überhaupt zwei Seiten gibt. Bei vielen Patienten weiß ich zum Beispiel gar nicht, ob sie jüdisch oder muslimisch sind, denn wenn du die Religion sehr liberal lebst, dann ist es nicht erkennbar.

Hast du es angesichts dieser Ereignisse bereut, nach Israel gegangen zu sein?

Nein. Natürlich hätte ich das lieber nicht erlebt, denn gerade hier in Tel Aviv war es immer sehr friedlich, und jetzt habe ich von einem Tag auf den anderen eine ganz andere Seite erlebt. Es hat mir ein bisschen die Augen geöffnet. Das Ganze habe ich aber auch sehr stark über die Medien erlebt. Ich habe eine Raketen-Warn-App installiert, man bekommt jedes Mal eine Nachricht, wenn irgendwo in Israel Alarm ist. Ich hatte eigentlich permanent Benachrichtigungen. Vor allem aus dem Grenzgebiet zum Gazastreifen. Sich vorzustellen, unter welchem Stress die Menschen dort stehen, ist schlimm.

Was hast du aus diesen Tagen gelernt?

Ich habe jetzt mitbekommen, wie schnell sich alles wieder ändern kann. In den Tagen, als der Raketenbeschuss war, habe ich gedacht, dass ich das noch nicht verarbeitet habe, und jetzt geht das Leben schon wieder normal weiter. Genauso mit Corona: Die ersten Tage nach dem Lockdown schätzt du alles total und denkst: Ich bin wieder frei, ich kann mich wieder bewegen ohne Angst oder Einschränkungen, und dann nimmt man alles schnell wieder so hin, wie es ist. In Deutschland hat man ja schon ein sehr großes Gefühl von Sicherheit und denkt, das bleibt die nächsten 50 Jahre so, aber hier ist alles anders. Die Menschen sind viel spontaner, die planen nicht, was in 20 Jahren ist. Hier weiß man, dass es Sicherheit nicht gibt. Daher kommt vielleicht aber auch dieses positive Lebensgefühl. Man weiß, dass es viel auf der Welt gibt,  was man dennoch genießen kann.

Und im Krankenhaus läuft alles wie gewohnt weiter?
Ja, das war auch während Corona schon so. Auch wenn es Ausnahmesituationen gibt, die Menschen werden trotzdem krank. Sie haben trotzdem Unfälle und kommen trotzdem ins Krankenhaus. Corona hat das Krankenhaus eigentlich mehr betroffen. Am Anfang waren permanent ein bis zwei Stationen in Quarantäne. Die Patienten konnten nicht zur Therapie, lagen isoliert auf den Zimmern, und die Familien konnten sie nicht besuchen. Und jetzt, während dem Beschuss: Man kann nicht wissen, wann es losgeht. Aber die Patienten müssen therapiert werden, es ist einfach ganz normal weitergegangen, und das hat mir auch geholfen.

Fährst du bald nach Hause?

Eigentlich ist mein Visum Ende Mai ausgelaufen. Aber ich habe bis Ende Juli verlängert.

 

„Meinen Namen KLARA schreibt man im Hebräischen KLR“

In dem ZOOM-Gespräch berichtete Klara Niessen auch über andere Eindrücke: dass sie ihren Arbeitsalltag und auch ihre Patient*innen sehr mag, dass sie sich in Tel Aviv, die Stadt am Meer mit dem südlich-orientalischen Lebensgefühl, verliebt habe, dass sie sehr freundlich aufgenommen wurde und dass es auch trotz Sprachbarrieren möglich sei, gegenseitige Sympathie auszudrücken. So wurde sie von einer ehemaligen Patientin in deren Familie zur Schabbat-Feier eingeladen. Dazu meint sie: „Das ist nicht wie bei uns, wo der Arbeitskollege nach drei Jahren zum ersten Mal nach Hause eingeladen wird, sondern hier geht das ganz spontan. Die mochten uns einfach!“ Mitte März, zum Ende des Corona-Lockdowns, feierte sie inmitten der ausgelassenen Einwohner Tel Avis das mehrtägige religiöse „Purim“- Fest mit – „eine Mischung aus Straßen- und Sommerfest und Karneval mit Verkleidung“. Sie sagt: Den Israeli gibt es nicht. Tel Aviv sei aber auch eine ganz besondere, stylishe Stadt, in der Lebensfreude in der Luft liege. Jeden Morgen genießt sie vom Krankenhaus aus den Blick auf Tel Aviv: „Ich kann von der Station, wo ich das Frühstück mache, auf die Skyline mit all den hohen Häusern gucken. Das ist wirklich beeindruckend, sehr modern, wie Frankfurt oder New York.“ Auch kleinere Reisen durch Israel hat sie mit anderen Freiwilligen schon unternommen. Allerdings: Für Israelis sei eine dreistündige Fahrt zu einem Ausflugsziel schon eine lange Strecke. Das und viel mehr habe sie in diesen Monaten schon fürs Leben gelernt. In ihrem Sprachkurs unter anderem auch, dass man in der hebräischen Schrift die Vokale weglässt. „Meinen Namen, KLARA“, sagt sie, „schreibt man also KLR. Du musst dir also überlegen, welche Vokale da reinpassen könnten. Wenn man das Wort kennt, ist es leicht.“

Mehr Infos zum Internationalen Freiwilligendienst www.koeln-freiwillig.de/internationaler-freiwilligendienst/